Wie sich die Reiseprogrammatik der deutschen NaturFreunde entwickelt hat

Ein "Touristenverein" zwischen Erholung, Gesellschaftskritik und Nachhaltigkeit

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Wie politisch ist Urlaub? Wer heute ein Naturfreundehaus bucht oder eine Wanderreise plant, denkt an Erholung, Aussicht, vielleicht an den CO₂-Fußabdruck – vermutlich aber eher selten daran, dass das Reisen einmal auch ein Akt der Emanzipation war.

Eine kürzlich auf NaturFreundeGeschichte / NatureFriendsHistory erschienene Ausarbeitung des Historikers Dr. Klaus-Dieter Groß zeichnet nach, wie die NaturFreunde seit 1895 ihr eigenes Verständnis von Tourismus entwickelt haben – zwischen Arbeiterbewegung, Massentourismus und Nachhaltigkeitsdebatte.

Am Anfang stand das Wien der Jahrhundertwende: eine Stadt mit privilegierten Urlaubswochen für Beamte und Angestellte – und nahezu ohne Erholungsmöglichkeiten für Fabrikarbeiter*innen. Genau hier setzten die NaturFreunde an. Als Teil der Arbeiter*innenbewegung wollten sie die Berge für jene öffnen, die bislang ausgeschlossen waren: mit gemeinschaftlichen Wanderungen, einfachen Quartieren und einem Kultursozialismus, der Naturerlebnis, Bildung und Klassenbewusstsein verband.

Der Weg zu mehr Teilhabe

Der NaturFreunde-Gruß „Berg frei!“ meinte deshalb auch nicht nur den Gipfel, sondern genauso den Weg zu mehr Teilhabe. Die NaturFreunde-Idee verbreitete sich sehr schnell und sprang auch auf Deutschland über.

NaturFreundeGeschichte / NatureFriendsHistory
Im April 2013 erschien die erste Ausgabe der Online-Zeitschrift NaturFreundeGeschichte / NatureFriendsHistory, die seitdem zweimal im Jahr Fachaufsätze zur Geschichte der NaturFreunde, historische Überblicksartikel, regionale Geschichten der NaturFreunde, Publikation neuer Quellen sowie Rezensionen zu aktueller Forschung veröffentlicht. Der Herausgeber Dr. Klaus-Dieter Gross freut sich über Vorschläge zu neuen interessanten Beiträgen. geschichte.naturfreunde.org

Dort weitete sich das touristische NaturFreunde-Konzept während der Weimarer Republik zum „Sozialen Reisen“. Das meinte weit mehr als günstigen Urlaub: Bewusst in Gruppen wanderte man durch die Zielregion, sah nicht nur Landschaften, sondern auch Arbeits- und Lebensbedingungen, suchte Kontakt vor Ort und verstand Reisen als Übung in Solidarität und Gesellschaftskritik.

Parallel wuchs ein eigenes Netz aus Naturfreundehäusern, Reisebüros, Fotogruppen und Bildungsfahrten – von Langstreckenwanderungen bis zu politisch motivierten Studienreisen.

Der Nationalsozialismus brach diese Entwicklung brutal ab. NaturFreund*innen wurden verfolgt, Naturfreundehäuser enteignet, Strukturen zerschlagen; wo weitergewandert wurde, da oft im Widerstand oder in der Illegalität.

Soziale Touristik versus Massentourismus

Erst nach 1945 knüpfte der Verband in Westdeutschland wieder an frühere Ideen an – nun in einer Gesellschaft des aufkommenden Massentourismus. Die Antwort hieß „Soziale Touristik“: organisierte Reisen sollten erschwinglich sein, aber auch bewusst, kulturell anspruchsvoll und friedenspolitisch orientiert. Naturfreundehäuser, Zeltlager, internationale Begegnungen und Familienfreizeiten wurden zu Laboren eines anderen Reisens, das dem Pauschalpaket etwas entgegensetzen wollte.

Ab den späten 1970er-Jahren verschoben sich die Konfliktlinien. Der Boom des Flug- und Pauschaltourismus, ökologische Krisen und neue soziale Bewegungen trieben die Debatte voran.

Die NaturFreunde griffen Konzepte des „sanften“ und später „nachhaltigen“ Tourismus auf: weniger Belastung für Natur und lokale Bevölkerung, mehr Begegnung auf Augenhöhe, längere und bewusstere Aufenthalte statt rastloser Konsumreisen. Seminare, Leitfäden und Reiseangebote orientierten sich daran – ohne die soziale Frage ganz aus dem Blick zu verlieren.

Tourismus als politisches Projekt

Klaus-Dieter Groß zeigt in seiner Ausarbeitung zugleich die Brüche und offenen Flanken des NaturFreunde-Reisens: Während sich das programmatische Profil von der rein sozialtouristischen Perspektive hin zu sozialökologischen Ansätzen verschob, fehlt es dennoch an einer deutlich erkennbaren und verbandstypischen Klammer. Zwischen günstigen Angeboten, Verbandsalltag, ökologischen Ansprüchen und den realen Reisewünschen der Mitglieder entstand dabei ein Spannungsfeld, das bis heute nicht vollständig aufgelöst ist.

Genau hier liegt auch eine Stärke des Textes: Er liest die Geschichte des NaturFreunde-Reisens als Spiegel gesellschaftlicher Auseinandersetzungen – und als Einladung, Tourismus erneut als politisches Projekt zu denken.

Wer wissen will, wie aus Arbeiterwanderungen, Naturfreundehäusern, -Antikriegsfahrten, Sanfter-Tourismus-Debatten und aktuellen Klimafragen ein Jahrhundertprojekt „Soziales Reisen“ geworden ist – und welche Fragen offenbleiben –, findet in der Ausarbeitung von Klaus-Dieter Groß eine fundierte und streitbare Orientierung. Der vollständige Beitrag steht hier zum Download zur Verfügung.